Sonderpädagogisches Beratungs-und Förderzentrum

Fallverstehen

Wir wundern uns zu wenig über die Sicherheit, mit welcher das pädagogische Urteil in uns erscheint.

Siegfried Bernfeld

Das Prinzip Fallverstehen

basiert auf dem interpretativen Verfahren der Objektiven Hermeneutik. Dieses Verfahren dient zur Rekonstruktion von latenten, also verdeckten, Sinnstrukturen, die sich in Äußerungen bzw. Handlungen manifestieren. Dabei geht es nicht nur darum, die relevanten Sinnstrukturen zu benennen, sondern auch deren Wirkung herauszuarbeiten. Handlungs- und Entscheidungsprozesse werden nach immanenten Regeln und Strukturen untersucht. Dabei leistet die Objektive Hermeneutik in einem allgemeinen Verstehensprozess eine entscheidende Übersetzungsarbeit. Ulrich Oevermann formuliert das Ziel der Methode so: „Die hinter den Erscheinungen operierenden Gesetzmäßigkeiten ans Licht bringen.“ 2

Analog zur Objektiven Hermeneutik werden im Prinzip Fallverstehen originelles Verhalten von Schülerinnen und Schülern in Bezug auf Bindung und Beziehung, deren verschiedenen Biographien auch deren Herkunftsfamilien sowie Strukturen der sozialen Räume, vor allem von Schule analysiert und verstanden bzw. eine innere Logik des Falls herausgearbeitet.

Das Prinzip Fallverstehen bedeutet daher für uns einen möglichst umfassenden und ganzheitlichen Blick auf die Schülerinnen und Schüler und deren Verhaltensweisen. Wir versuchen die Botschaft, die hinter jedem Verhalten, also auch hinter dem störenden und auffälligem Verhalten zu verstehen. Verhalten ist stets funktional. Dabei bedienen wir uns sowohl analytischer und interpersoneller,  als auch systemischer Sichtweisen. Durch die verschiedenen Zyklen der kollegialen Fallberatung sowie der Supervision, entwickeln wir in gemeinsamer Verantwortung mit unseren Kooperationspartnern ein neues Verständnis für das gezeigte Verhalten. 

2 vgl. Oevermann, Ulrich (2000): Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis, in: Klaus Kraimer (Hrsg.): Die Fallrekonstruktion. Sinnverstehen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Frankfurt am Main

vgl. Oevermann, Ulrich (2001): Strukturprobleme supervisorischer Praxis. Eine objektiv hermeneutische Sequenzanalyse zur Überprüfung der Professionalisierungstheorie. Frankfurt am Main

vgl. Wernet, Andreas (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik, VS-Verlag

Durch den veränderten Blick entwickelt sich langsam eine andere Haltung den Schülerinnen und Schüler gegenüber. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, die es ihnen erst ermöglicht, neues Verhalten zu zeigen und tragfähige Bindungen einzugehen, um darauf aufbauend weitere  Entwicklungsschritte  gehen zu können.

Das Fallverstehen ist das zentrale Moment in der pädagogischen Arbeit der Dezentralen Schule. Es steht daher im Mittelpunkt, weil sich das Fallverstehen in allen Handlungsfeldern der Dezentralen Schule wiederfindet und Kern jedes Konzeptes ist. Grundlage unseres Fallverstehens ist unsere pädagogische Haltung  in unserem Leitbild dargestellt. Selbstverständlich ist das Fallverstehen auch strukturell in unserer Einrichtung verankert. Regelmäßige Teamsitzungen und Supervisionen sowie Fortbildungen geben den strukturellen Rahmen für das Fallverstehen. Hier führen verschiedene Förderlehrkräfte aus verschiedenen Berufen ihr spezifisches Fachwissen zum Fallverstehen zusammen. Der Fallverantwortliche überführt das Fallverstehen gemeinsam mit den weiteren Kooperationspartnern in ein individuelles und passgenaues Fördersetting. Das Fördersetting wird im Förderplan stets dokumentiert und evaluiert. Dabei hat sich gezeigt, dass eine aktive Netzwerkarbeit förderliche Strukturen schaffen kann. Welche Förderziele können erreicht werden? Welcher Kooperationspartner übernimmt welche Verantwortlichkeit? Wann muss man ausnahmsweise auch mal ein Fördersetting kontrolliert scheitern lassen?

Fallverstehen in der allgemeinbildenden Schule

Schule soll Schülerinnen und Schülern einen geschützten Rahmen geben, in dem sie sich entwickeln können . Aufgrund der direkten Rückmeldung, die in Schule üblich ist, kann sie ein Ort sein, an dem Schülerinnen und Schüler besonders gut ihre Selbstwirksamkeit erleben können.

Schule soll Lernfelder für die intellektuelle und für die soziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler bereitstellen. Hier können Schüler ausprobieren, mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft, Entwicklung und Alters in Kontakt zu treten und ihren Platz in Gruppen zu finden. Die Schülerinnen und Schüler erleben in Schule Erwachsene, die ihnen Orientierung anbieten und mit ihnen in Beziehung gehen. Aber Schule kann für Schülerinnen und Schüler auch eine Überforderungen sein, wenn sie aufgrund ihrer Entwicklung hierfür noch nicht in der Lage sind, oder wenn sie ihr häusliches Umfeld bereits als sehr fordernd, bis überfordernd erleben.

Hier setzt die Arbeit der Dezentralen Schule an.  Wir unterstützen Lehrkräfte dabei, ihre Wahrnehmung des Kindes oder des Jugendlichen im Sinne des Fallverstehens umfassend und möglichst vorbehaltlos zu erweitern. Dies erreichen wir in gemeinsamer  Verantwortung mit der allgemeinbildenden Schule, indem wir auf den verschiedenen Ebenen (siehe Grafik unten) die Funktion des originellen Verhaltens übersetzen, Interpretationsalternativen anbieten und damit die pädagogische Haltung verändern. Gelingt dieser Prozess, führt dies zu einer erweiterten und größeren Akzeptanz gegenüber allen Schülerinnen und Schülern.  

Fallverstehen in der Netzwerkarbeit aus der Sicht der Dezentralen Schule           

Wir in der Dezentralen Schule verstehen Netzwerkarbeit als eine notwendige und essentielle Form von systemischer Intervention in der sozialen Arbeit. Notwendig und essentiell daher, da originelles Verhalten sich nur kontext- und umfeldbasierend entschlüsseln lässt. Weiterhin lässt sich Verhalten nur dann verändern, wenn es auch Veränderung im Umfeld gibt.  Als Soziale Netzwerke werden die Gesamtheit der Beziehungen zwischen einer definierten Menge von Personen, Rollen oder Organisationen beschrieben. Soziale Netzwerkarbeit entstand ursprünglich aus folgenden soziologischen Begründungszusammenhängen: Spannung und Zerfall von Gemeinschaften, der weiteren Ausdifferenzierung von Gesellschaft, der Freisetzung des Individuums und der Gestaltung von neuen Lebensformen.

Daraus lassen sich folgende Aufgabenfelder von sozialer Netzwerkarbeit ableiten: das Ersetzen von fehlenden Ressourcen, das Bilden bzw. Entwickeln neuer Beziehungsmuster, die Verbesserung der Qualität sozialer Kontakte sowie die Aktivierung und bessere Nutzung der psychosozialen Ressourcen.

Soziale Netzwerkarbeit ist daher ein ressourcenaktivierendes Handlungskonzept und knüpft damit an ein wichtiges Axiom systemischer Theorie und Praxis an (vgl. Röhrle 1998, Zwicker-Pelzer 2004).

Für die Dezentrale Schule bedeutet soziale Netzwerkarbeit daher ein weiteres wesentliches Moment für die Erweiterung der Haltefähigkeit der allgemeinbildenden Schule. Weiterhin werden so für unsere Schülerinnen und Schüler Perspektiven entwickelt und auch bei Bedarf Übergänge in andere Fördersettings ermöglicht.

Arbeitsweisen und Methoden