Sonderpädagogisches Beratungs-und Förderzentrum

Aufbau der Dezentralen Schule

Das Schulwesen hat offenbar Wirkungen,

die über den eigentlichen Unterricht weit hinaus reichen.

Die Schule – als Institution – erzieht.

Siegfried Bernfeld

Konstanz und Flexibilität

Seit 2004 begleiten wir Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen in ihrer sozioemotionalen Entwicklung sowie Kinder, die ein Krankheitsbild im Sinne der kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik aufweisen. Wir  arbeiten mit Grund- und weiterführenden Schule eng zusammen, die sich bewusst auf diese Schülerinnen und Schüler einlassen und ihnen kreative, beziehungsorientierte und haltende Lernangebote bereitstellen. In der Geschichte unserer Organisation entwickelten wir eine Balance zwischen den bildungspolitischen Vorgaben und den gesellschaftlichen Veränderungen und den daraus für unsere Schülerinnen und Schüler resultierenden Problemlagen. 

Die Gründungskonzeption[1], die 2004 von Vertretern des Staatlichen Schulamtes und des Kreises Offenbach gemeinsam entwickelt wurde, etablierte die grundlegende Idee einer dezentralen, integrativen und kooperativen Arbeitsweise. Neu war hier vor allem die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe unter einem gemeinsamen Dach. Indem innerhalb unserer Schule ein Jugendhilfeteam, das sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kreises Offenbach zusammensetzt, Einzug hielt, wurde auch ein neuer Blick auf Bildung und Erziehung möglich.Dies wurde prägend für die Entwicklung der Organisation mit ihren Strukturen, Kommunikationswegen und Arbeitsprozessen. Eine „besondere“ Schule entstand: Eine Schule, die zum Schüler kommt und es sich zur Aufgabe macht, passgenaue Fördersettings mit allen am Förderprozess beteiligten Personen zu entwickeln.  

Aus der Perspektive der Organisation ergibt sich mit dieser Aufgabe die Schwierigkeit Strukturen zu etablieren, die einerseits in der Lage sind, flexibel und zeitnah auf vielschichtige Problemkontexte  zu reagieren, andererseits aber den Mitarbeitern genügend Halt und Sicherheit für ihre Arbeit mit Schülern Eltern und Lehrern über eine kontrollierte Steuerung von Arbeitsprozessen sowie klaren Kommunikationswegen zu geben. In diesem Spannungsgefüge zwischen Konstanz und Flexibilität vollziehen sich der Aufbau der Organisation der Dezentralen Schule sowie ihre permanente Weiterentwicklung.

Eine lernende Organisation

Wir haben aufgrund unserer primären Aufgabe das Selbstverständnis einer „lernenden Organisation“ entwickelt. Dieses Lernen vollzieht sich auf der operativen Ebene mit jedem neuen Schüler, der sich mit seiner Lebenswelt, seinen Entwicklungsbedürfnissen und Ressourcen als einzigartig und unverwechselbar darstellt. Im Prozess des Fallverstehens werden pädagogische Maßnahmen, Förder- und Beratungsansätze sowie Kooperationen jeweils neu, beziehungsorientiert und systembezogen entwickelt. Auf der Ebene der Organisation entspricht diesem Prozess eine grundlegende Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbstreflexion: In verschiedenen Gremien, Teams und Arbeitsvorhaben werden interne Arbeitsabläufe und Prozesse immer wieder auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. Kommunikationsstrukturen und fachliche Entscheidungen werden in einem transparenten Prozess erarbeitet, diskutiert und permanent überprüft. Damit können inhaltliche Fragestellungen, aber auch Konflikte und Kontroversen im Sinne eines fortlaufenden Verständigungs- und Lernprozess verstanden werden.

Diese finden dann auch Niederschlag in organisatorischen Entwicklungen, die eine Anpassung an die Bedürfnisse unserer Kooperationspartner darstellen. So kamen wir dem wachsenden Beratungsbedarf im sensiblen Feld der emotionalen und sozialen Entwicklungsprozesse sowie im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Kinder- und Jugendpsychiatrischer Diagnostik und Therapie nach. Wir wurden als eine von vier Schulen in Hessen ohne eigene Schülerinnen und Schüler zu einem Beratungs- und Förderzentrum. Darüber hinaus entstanden, antizyklisch zur Idee der Inklusion, besondere, externe Beschulungsorte. Aufgrund des wachsenden Bedarfs an kreativen Lösungen für unsere Schülerklientel entwickelten wir unseren Lernstern als Schule in der Tagesklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrie Dietzenbach und das Projekt NEUSTART.  

Vor diesem Hintergrund stetiger Herausforderungen beschreiben wir unsere Organisation aus verschiedenen Blickwinkeln: 

Blickwinkel: Qualitätsstandards

Als ambulant arbeitende Organisation sind wir als Dezentrale Schule besonders darauf angewiesen, interne Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass die Prozesse der Förderung und Beratung kontinuierlich überprüft und angepasst werden können.

Die Schulleitung übernimmt in allen pädagogischen und strukturellen Belangen die Fachaufsicht und vertritt die Schule nach außen. Ihr obliegen die Ausarbeitung der grundlegenden Kooperationsbedingungen mit Regelschulen, Jugendhilfe sowie heilpädagogischen Einrichtungen und die Verteilung sächlicher und personeller Ressourcen. Um einen engen Austausch mit dem Kollegium  und die Fachaufsicht zu gewährleisten, nimmt sie regelmäßig an den Teamsitzungen der Regionalteams teil. In Absprache mit dem jeweiligen Fallverantwortlichen übernimmt sie bei krisen- und konflikthaften Fallverläufen zusätzlich moderierende oder steuernde Funktion. Aufgrund der Größe des Landkreises ist das Kollegium in vier Regionalteams mit je acht bis neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterteilt.

Bedingt durch das Prinzip einer beziehungsorientierten und systembezogenen Arbeit übernehmen die Teams die Aufgabe eines kontinuierlichen analysierenden Außenblicks. Dieser ermöglicht es, den Sinngehalt einer „Störung“ sukzessive zu verstehen und  Beziehungsdynamiken, die die Entwicklung des Schülers eher behindern, zu erkennen. Wöchentlich treffen sich die Teams zu intensiven Fallbesprechungen, zur Koordination und Diskussion inhaltlicher Fragestellungen. Regelmäßige Supervision für jedes Team sowie interne und externe Fortbildungen sollen einen kontinuierlichen Zuwachs an fachlichem Wissen sicherstellen.

Neben der festen Zugehörigkeit zu einem Regionalteam arbeiten die Mitarbeiter je nach ihrem Aufgabengebiet in den jeweiligen Gremien und Fachkonferenzen mit, wie sie im Überblick über die Arbeitsfelder dargestellt sind

 


[1] Schule und Jugendhilfe – Partnerschaft im Verbund –  2004

Konzeption einer Dezentralen Förderschule im Kreis Offenbach von Elke Tomala-Brümmer und Dr. Peter Bieniussa

Multiprofessionalität

Das Kollegium der Dezentralen Schule setzt sich aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen: Förderschullehrerinnen und Förderschullehrer, Musiktherapeutin, Kunsttherapeut, sowie Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen arbeiten eng zusammen. Unterschiedliche Professionen, therapeutische Weiter-bildungen und berufliche Erfahrungen lassen zum Teil sehr verschiedene Sichtweisen, Methoden und Verstehens Ansätze in die Planung von Förder- und Beratungsprozessen einfließen.

Einen Einblick in die Vielfalt der Kompetenzen und Fachrichtungen gibt die folgende grafische Darstellung:

Dokumentationswesen und Evaluation

Die dezentrale Arbeitsweise erfordert eine sorgfältige Dokumentation der Fallverläufe, um Entwicklungsprozesse nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar zu machen. Die Förderplanung erfolgt im Dialog mit allen am Förderprozess beteiligten Personen und  wird im Förderplan festgehalten sowie in regelmäßigen Abständen gemeinsam evaluiert.

Darüber hinaus erfolgt in Form von Kurzfragebögen, die zum Ende jedes Schuljahres sowohl von den Mitarbeitern der Dezentralen Schule als auch von kooperierenden Lehrkräften der allgemeinen Schulen abgefragt werden, eine Erhebung über die Arbeitszufriedenheit, die Einschätzung der Qualität der Kooperationsbeziehung sowie die Zufriedenheit mit der Entwicklung des Fallverlaufs. Die Ergebnisse werden von der Schulleitung ausgewertet und im Jahresbericht veröffentlicht.

Steuerung von Arbeitsabläufen und interne Kommunikation

Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Dezentralen Schule arbeiten in der präventiven Förderung, im Beratungsteam, in der inklusiven Beschulung und im Unterricht der Tagesklinik bzw. im Projekt NEUSTART. Dies impliziert, dass wir uns nur zu vereinbarten Zeiten in den Büroräumen der Schule aufhalten. Um die für die pädagogische Arbeit so wichtige Sicherheit und institutionelle Verbundenheit zu gewährleisten, ist daher eine klare Steuerung der Arbeitsabläufe und der internen Kommunikation besonders wichtig. Auch für diesen Aspekt der Qualitätssicherung übernimmt die Schulleitung die Verantwortung und sichert die erarbeitete Struktur. Neben den Regionalteams sind zwei Gremien von besonderer Bedeutung, die sich durch ein höheres Maß an Formalität und Struktur auszeichnen: die Gesamtkonferenz und das „Informelle Schulteam“ (IST).

Zur Gesamtkonferenz gehören die Schulleitung sowie alle Mitarbeiter der Dezentralen Schule. Sie tagt monatlich und wird von der Schulleitung inhaltlich vorbereitet, strukturiert und geleitet. Das Gremium entscheidet über pädagogische und fachliche Fragen, die sich aus dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ergeben. Von besonderer Bedeutung für die Dezentrale Schule ist dabei die Planung von und Entscheidungen über inhaltliche Schwerpunkte der Schulprogrammarbeit und die interne Umsetzung schulrechtlicher Neuerungen.

Das „Informelle Schulteam“ (IST) besteht seit dem Schuljahr 2011/2012. Zum IST gehören neben der Schulleitung jeweils ein gewählter Vertreter aus den Regionalteams, dem Lernstern, dem Präventionsteam sowie dem Beratungsteam. Das IST tagt ebenfalls monatlich, kann aber auch bei wichtigen Fragestellungen, die die Schulkultur betreffen, zeitnah einberufen werden. Im Gegensatz zur Gesamtkonferenz kann das IST keine Entscheidungen treffen, sondern übernimmt lediglich beratende und vermittelnde Funktion. Die einzelnen Vertreter sind verpflichtet, ihre Teams über die besprochenen Themen und Fragstellungen zu informieren. Ebenso können sie beauftragt werden, Anfragen, Vorschläge oder Kritik aus dem Regionalteam in das IST einzubringen. Ziel des Gremiums ist eine qualitative Verbesserung der Kommunikation zwischen allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Leitung der Schule.

Koordination der schulischen Ausstattung

Die Dezentrale Schule verfügt seit ihrer Gründung über einige Büroräume und einen Besprechungsraum im Kreishaus Dietzenbach. Mit der Gründung der kinder- und jugendpsychiatrischen Tagesklinik in Dietzenbach im Mai 2011 hat sich die stationäre Abteilung „Lernstern“ im zweiten Stock der Klinik schulisch einrichten können. Für die zwölf Schülerinnen und Schüler der Schule stehen drei Klassenräume sowie eine kleine Küche zur Verfügung.  Die Lehrkräfte nutzen einen weiteren Raum für Bürotätigkeiten und Gespräche. Das Projekt NEUSTART befindet sich im Europahaus Dietzenbach. Für acht Jugendliche stehen zwei Unterrichtsräume und gemeinsame Räume mit der AGS e.V. zur Verfügung.

Für alle Bereiche, die sächliche Ausstattung und Medien betreffen, sind ausgewählte Mitarbeiter verantwortlich. So wird die gesamte IT (Kreishaus, Lernstern, NEUSTART) in Kooperation mit dem Administrator des Kreishauses von einem Mitarbeiter gewartet und im Hinblick auf geltende Datenschutzrichtlinien gepflegt. Der  Internetauftritt  der Schule wurde von einem weiteren Kollegen entwickelt, der ihn sachkundig pflegt und erweitert. Besonders großen Wert legt die Dezentrale Schule auf eine fundierte Fachbibliothek und eine umfangreiche Sammlung von Kinder- und Jugendliteratur. Zu diesen Bereichen haben sich kleine Arbeitsgemeinschaften gegründet, die in Absprache mit der Schulleitung interessante Bücher anschaffen und die Ausleihe mit Unterstützung der Schulsekretärin überwachen.

Ebenso wird die Pflege der Testbibiliothek von KollegInnen übernommen. Durch ständige Überprüfung, Fortbildung und Neuanschaffungen von fachrelevanten Tests werden Grundlagen einer differenzierten Diagnostik gesichert.

Der Personalrat: Interessenvertretung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Der Personalrat übernimmt an der Dezentralen Schule eine verantwortungsvolle Aufgabe: Bedingt durch das Konzept der Multiprofessionalität arbeiten die verschiedenen Berufsgruppen zu unterschiedlichen Anstellungs-, zum Teil auch Arbeitsbedingungen, zusammen. Der Personalrat, der in seiner Zusammensetzung die verschiedenen Berufsgruppen abbildet, berät in dienstrechtlichen Fragen und unterstützt Mitarbeiter in konfliktreichen Entwicklungen. Regelmäßige Gespräche mit der Schulleitung schaffen eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Nicht zuletzt vertritt er auch die  Arbeit der Dezentralen Schule mit ihren besonderen Anforderungen und Bedingungen im Gesamtpersonalrat des Landesschulamtes Offenbach.

Blickwinkel: Schulentwicklung

Die Schulentwicklung der Dezentralen Schule umfasst Entwicklungsprozesse im Bereich der pädagogischen Arbeit und der Organisation. Der Steuergruppe gehören neben der Schulleitung Vertreter aus den jeweiligen Arbeitsvorhaben an. Sie wird von einer Schulentwicklungsberaterin moderiert. Die inhaltliche Arbeit der einzelnen Arbeitsvorhaben wird von der Steuergruppe beratend unterstützt. Sie sorgt dafür, dass der Stand des Schulentwicklungsprozesses regelmäßig intern kommuniziert wird.  Die Arbeitsvorhaben setzen sich mit aktuellen Themen der Schulentwicklung auseinander und treffen sich regelmäßig. Bearbeitet und diskutiert werden, z.B. die Themen  Konzeption, Inklusion, Psychiatrie und Schule  sowie Kooperation mit den allgemeinbildenden Schulen.

Neben der Steuergruppe spielt der Arbeitskreis Teamentwicklung im Prozess der Schulentwicklung eine wichtige Rolle. Er ist aus einem Arbeitsvorhaben entstanden und wurde fest implementiert. Die Gruppe richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Etablierung konstruktiver Teambildungsprozesse und die Erarbeitung gesundheitsfördernder Strukturen an der Schule

Aufgaben der Dezentralen Schule